Die Meditationen dieses Buches sind im Lauf der letzten dreißig Jahre entstanden zum persönlichen Gebrauch in der Seelsorge und für biblische Wochenenden mit dem Oberthema ‚Lebenshilfe aus der Bibel‘.
Anregungen dazu verdanke ich vor allem Frau Elisabeth Jäger, die die Vorbereitung und Durchführung der Besinnungstage positiv-kritisch begleitet hat.

Bei diesen Kursen war es uns wichtig, in einem ersten Schritt im Gespräch exegetisch auf den Text einzugehen, und all die Fragen und Einwände, die inneren Vorgänge bei der betreffenden Person und die Hintergründe der jeweiligen Geschichte zu bedenken. Die Teilnehmer sollten durch diese Vorwegnahme frei werden für das persönliche Erleben in der Meditation. Unser Ziel war es, dass sie sich mit der Person in der betreffenden Geschichte identi-fizieren konnten. Um dies zu erleichtern, habe ich in Frauen-Gruppen gelegentlich die erzählende Figur als Frau dargestellt.

Im zweiten Schritt bauten wir vor der Meditation eine Übung zur Tiefenentspannung ein. Es hatte sich nämlich in
der Praxis gezeigt, dass dadurch das Erfahren der Begegnung mit Jesus viel existentieller erlebt wird, als wenn man den Text nur liest.
Ich habe dann die Meditation vorgelesen, zum Teil unterbrochen von meditativer Musik, mit der dann die Meditation auch ausklang. Die Teilnehmer konnten anschließend bei ihrem persönlichen Erleben verweilen solange es für den Einzelnen stimmig war.
Bei der Gestaltung der Meditation wollte ich zum einen möglichst nahe am biblischen Text bleiben. Andererseits lag mir daran, die Zuwendung Jesu und indirekt damit das Gottesbild deutlich erfahrbar zu machen.

Auf vielfältiges Bitten hin, habe ich nun der Veröffent-lichung zugestimmt. Dabei beließ ich die Satzstellung bewusst in der Sprechweise, wie ich sie für das Vorlesen formuliert habe.
Wir empfehlen auch dem einzelnen Leser, jeweils immer nur eine der Meditationen zu lesen – und zwar hörbar für sich selbst.
Man sollte dabei Pausen machen, um jene Aussagen, die einen im Herzen berühren, auf sich wirken zu lassen und dabei zu bleiben.
Es hat sich in den Kursen auch bewährt, zumindest gelegentlich den biblischen Namen der betreffenden Person durch den eigenen Namen zu ersetzen.

Zum Schluss drängt es mich, besonders Frau Elisabeth Jäger herzlich zu danken für ihr vielfältiges Beitragen zum Gelingen der Besinnungstage. Für das Organisieren der Herausgabe dieses Buches gebührt ebenfalls aufrichtiger Dank Frau Ursel und Herrn Wolfgang Waibel.

                                                                    Hilmar Kneer

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Einführung                                
Die Prophetin Hanna (Lk.2,22.25-28.36-38)              
Die gekrümmte Frau (Lk.13,10-13)                
Der kleine Junge     (Joh.6,5-12)                    
Segnung der Kinder (Mk.10,13-16)                
Die Tochter des Jairus (Mk.5,22-24.34-42)            
Die blutflüssige Frau (Mk.5,25-34)                
Heilung am Sabbat (Mk.3,1-6)                
Hauptmann von Kapharnaum (Mt.8,5-8.10.13)        
Der Besessene von Gerasa (Mk.5,1-8.13-15)            
Zwiegespräch (Mt.11,28-30)                    
Die Samariterin (Joh.4,5-10.13-15)                
Der Taubstumme (Mk.7,31-35)                    
Mitten im Sturm (Mk.4,35-41)                    
Begegnung mit der Sünderin (Lk.7,36-50)                
Die Ehebrecherin (Joh.8,2-11)                        
Begegnung auf dem See (Mk.6,45-51)                    
Heilung des Blinden 1 (Joh.9,1-3.7)                    
Heilung des Blinden 2 (Joh.9, 8-40)                    
Zachäus (Lk. 19, 1-10)                            
Salbung in Betanien (Mk.14,3-9)                        
Larzarus (Joh.11,1-7.17.38-41.43-44)                    
Magdalena am Grab Jesu (Joh.20,1.11-18)               

 

 

 

Die Prophetin Hanna
(Lk.2,22.25-28.36-38)

Die Eltern brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen. ...
In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels; und der Heilige Geist ruhte auf ihm. Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe.
Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt. Und als die Eltern Jesus herein brachten, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott. ...

Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuels, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt.
Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt.
Nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.
In diesem Augenblick trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalem warteten.

 

 

 

Meditation

„Man sagte mir, du hättest Hanna noch gekannt, Hanna, die Prophetin? Stimmt das?“
Ich richtete mich auf und blickte dem jungen Mann vor mir in die Augen. „Warum fragst du?“
„Mein Name ist Lukas. Weißt du, ich habe mir vorgenommen, die Tage der Kindheit unseres Meisters zu erforschen. Und da hat man mich an dich verwiesen. Du seiest eine der wenigen, die noch etwas von den Anfängen um Jesus wissen. Willst du mir davon erzählen?“
Aus der Art, wie er sprach, spürte ich: Das ist nicht bloße Neugier. Das ist echtes Interesse an der Sache Jesu. Und so sagte ich: „Ja! Komm, setz dich her zu mir!“ Er tat es und sah mich erwartungsvoll an, ohne zu sprechen.

„Du siehst, ich bin jetzt eine alte Frau. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Und deshalb ist es auch mir wichtig, dass diese bedeutende Frau nicht ganz vergessen wird. Als du eben ihren Namen genannt hast, da war wieder alles da, ganz klar, so als sei es erst gestern geschehen – all das mit Hanna; und dann meine Erlebnisse mit Jesus. – Weißt du,
ich bin in letzter Zeit ziemlich vergesslich geworden. Aber das wird mein Geist und mein Herz nie verlieren.“
Ich schwieg. – Seltsam, da war es wieder wie in meiner
Kindheit, als ich die vielen Bilder in mir hatte.
Und mit geschlossenen Augen, die Szenen ganz lebendig vor mir, begann ich:

„Ich sehe sie deutlich vor mir, die Hanna; mit ihrem langen weißen Haar; eingehüllt in ihre Witwenkleider. Ich war da-mals noch ein ganz kleines Mädchen. Und Hanna, die in Jerusalem neben uns wohnte, war so beeindruckend für mich, dass ich oft zu ihr hinüber ging. Ich setzte mich dann zu ihr, schaute ihr zu, wenn sie im Haushalt arbeitete; oder auch, wenn sie betete. Und dabei geschah es oft, dass sie erzählte – von sich, von ihrem Leben; und vor allem von Jahwe-Gott. Und wenn ich Fragen hatte – und ich hatte viele Fragen – da gab sie geduldig Antwort.

Sie war meiner Mutter beigestanden, als diese mich zur Welt brachte. Sie selbst hatte keine Kinder. Und ihr Mann war schon viele Jahre zuvor gestorben.
Heute kann ich verstehen, weshalb sie mich, das kleine Mädchen, damals in ihr Herz geschlossen hat. Und als meine Mutter schon wenige Jahre nach meiner Geburt starb, da nahm sie sich meiner an. Sie war wie eine richtige Mutter zu mir, obwohl sie so viel älter war. Mein Vater war einverstanden, wenn ich so oft zu ihr ging.

Aber, du wolltest ja wissen, wie das damals war – das mit Hanna und dem Kind Jesus.
Mir war es schon öfters aufgefallen, wenn ich bei Hanna war. Da konnte es nämlich geschehen, dass sie plötzlich ganz still wurde, mit weit geöffneten Augen in die Ferne schaute und angestrengt lauschte. Dabei wurde ihr Gesicht ganz hell. Manchmal strahlte es vor Freude; manchmal war es starr vor Entsetzen. Ich saß dann meist da und sah mit Erstaunen oder mit Angst, was sich bei ihr tat. Ich hatte das Gefühl: Hanna ist ganz weit weg.
Wenn sie dann nach einer Weile wieder zu sich kam und mein fragendes Gesicht sah, wurde sie ein wenig verlegen. „Ja, mein Kind, ich habe etwas gesehen. Aber – bitte, sei mir nicht böse. Ich kann jetzt nicht darüber sprechen.“ –
„Ist das so, wie wenn ich die Bilder in mir habe?“ – Hanna blickte mich nur eigenartig an, gab aber keine Antwort.

Nur einmal ging sie auf das ein, was sie gesehen hatte.
Sie hatte mich wie so oft bei der Hand genommen und war mit mir zum Tempel hinaufgegangen, um zu beten. An jenem Tag, da kam es im Tempel wieder über sie. Auf dem Heimweg fragte ich: „Hanna, du hast wieder etwas gesehen und gehört, ja?“
Nach längerem Schweigen antwortete sie schließlich:
„Ja, mein Kind, Jahwe, der Herr hat zu mir gesprochen.“ –
„Und was hat er gesagt?“ – Nach einigem Zögern, während dessen sie mich prüfend anblickte, sagte sie: „Ich glaube, dir darf ich es sagen. Der Herr redete davon, dass es ihm weh tut, zu sehen, wie schlimm es zugeht auf unserer Welt; wie sehr die Menschen zu leiden haben. Und er ist voll Sehnsucht nach den Menschen. Er möchte ihnen so gerne sein liebendes Herz zeigen, damit sie wieder Hoffnung haben.
Und noch etwas hat er gesagt.“ –

Sie machte eine kleine Pause und fuhr dann fort: „Kind, ich habe dir schon davon erzählt, dass die Propheten den Messias angekündigt haben. Der Herr hat mir nun gesagt, dass das bald sein werde. Und dass ich ihn noch sehen werde.“
Dann schwieg Hanna wieder. – Zurück blieb auf ihrem Gesicht ein stilles, glückliches Lächeln.
Was sie gesagt hatte, das beschäftigte mich sehr. Und ein paar Tage später fragte ich sie: „Du, Hanna, wann wird der
Messias denn kommen? Und wo und wie? Und an was wirst du ihn erkennen?“ – Sie gab mir nur zur Antwort: „Kind, ich weiß es nicht. Aber der Herr wird es mich wissen lassen, wenn es so weit ist.“

Doch es vergingen einige Jahre. Ich war schon dabei, eine junge Frau zu werden, während Hanna immer gebrechlicher wurde. Ich diente ihr in ihrem kleinen Haushalt.
Wir sprachen nie mehr über dieses ihr Erlebnis. Und doch war das Wissen darum bei uns wie ein ständiger Begleiter. Hanna bestand auf unserem täglichen Gang zum Heiligtum. Aber es war für sie oft ein sehr mühseliger Weg. Jetzt durfte ich sie führen und stützen.

Und dann kam jene Stunde, von der du, lieber Lukas, die ganze Zeit hören möchtest.
Wir beide waren wie gewohnt im Tempel. Auf einmal merkte ich die kurze Bewegung bei Hanna. Sie hob den
Kopf, als lausche sie auf eine ferne Stimme. Und dabei war
wieder dieses Leuchten auf ihrem Gesicht. Sie wandte den Kopf. Ich folgte ihrem Blick. Und da sah ich, wie ein junges Paar ihr Kind in die Halle herein trug. Neben ihnen stand der alte Simeon, den ich schon lange kannte. Er nahm das Kind auf seine Arme und sprach Worte, die ich aus der Ferne nicht verstehen konnte, die aber offensichtlich großes Erstaunen bei den Eltern hervorriefen.

Hanna, die neben mir am Boden saß, sagte leise, ohne die Augen von ihnen abzuwenden: „Kind, hilf mir auf, bitte!“ Und gestützt von mir ging Hanna quer durch den Saal auf
die kleine Gruppe zu. Simeon, der uns kommen sah, zeigte
ihr das Kind auf seinen Armen und rief ihr mit von Tränen fast erstickender Stimme zu: „Hanna! Hanna! Sieh das
Kind! Er ist es!“
„Ich weiß es!“ Ihr ganzer Körper zitterte, als sie das sagte. Sie ließ sich ebenfalls das Kind in ihre Arme legen. Und Hanna, die sonst so gebeugt unter der Last ihrer Jahre ging, und auch meist nur mit leiser Stimme redete – jetzt richtete sie sich auf zu ihrer vollen Größe und pries Jahwe, den Herrn, mit lauter Stimme, die die Aufmerksamkeit vieler im Raum weckte.
Nach einer Weile fragte sie die Eltern, welchen Namen sie denn für ihr Kind gewählt hätten. Sie gaben zur Antwort: „Jesus soll es heißen!“ –
Da beugte sich Hanna mit verklärtem Blick über das Kind und küsste es auf die Stirn: „Jesus!“ flüsterte sie.
Schließlich übergab sie das Kind mit einem Dankeswort an
die Eltern, die schnell die Halle verließen. Die Leute, die neugierig herbei geeilt waren, wollten wissen, was da los sei. Und Hanna, diese sonst so stille, fast scheue Frau sprach: „Jetzt ist die Zeit gekommen, da ich davon reden kann, was der Herr mir geoffenbart hat. Jahwe hat sich unser erbarmt. Er hat seinen Messias gesandt.“ –

Ich schwieg erschöpft. Das Erzählen hatte alles in mir wie-der aufgewühlt. Lukas, der junge Mann nahm Rücksicht darauf. Erst nach einer Weile fragte er vorsichtig: „Und was war dann?“
Ich wandte mich ihm zu und antwortete: „Nun, Hanna war eh schon eine zart gebaute Frau, deren Körper durch das viele Fasten sehr geschwächt war. Das Erleben an diesem Tag hatte ihr viel Kraft gekostet. Ich hatte Mühe, sie nach Hause zu bringen.
Hanna hat dann nur noch wenige Wochen gelebt. Es war, wie wenn sie ihren Lebensauftrag erfüllt hätte. Sie konnte kaum mehr von ihrem Lager aufstehen. Meist lag sie da mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht und bewegte ihre Lippen in stillem Gebet.
Es war wenige Tage vor ihrem Tod, da rief sie mich zu sich her und sagte: „Komm ganz nah zu mir!“ Ich kauerte mich neben ihr nieder. Sie richtete sich ein wenig auf, nahm mein Gesicht in beide Hände und blickte mich mit wissenden Augen an. „Kind, ich werde bald gehen. Der Herr ruft mich. Du musst nicht traurig sein. Ich weiß, er wartet auf mich, jetzt, da ich den Messias sehen durfte.
Aber ich möchte dir noch etwas sagen: Mein Kind, ich danke dir für das, was du für mich in all den Jahren getan hast und gewesen bist. Der Herr hat mich in dein Herz schauen lassen. Du hast von ihm die Gabe der inneren Bilder bekommen und die Fähigkeit, seine Stimme zu hören. Er hat mir gesagt, ich solle dich segnen und dir weitergeben, was er mir gegeben hat.“

Darauf legte mir Hanna still die Hände auf. Ich spürte, wie eine geheimnisvolle Kraft in mich überfloss. Dann hielten wir einander lange Zeit umschlungen.
Ich konnte nichts sagen. Die alte Frau, die mir Mutter gewesen und zur Freundin geworden war, ich wiegte sie einfach wie ein Kind sanft in meinen Armen. –

Ihr Vermächtnis, was sie mit den Bildern und dem Hören der Stimme gemeint hat, das verstand ich erst viel später. Es vergingen drei Jahrzehnte, die nicht ganz einfach für mich waren. Ich weiß heute noch nicht so recht, weshalb ich keine eigene Familie gründete, obwohl sich Gelegenheit dazu bot. Aber immer hörte ich in mir ein deutliches „Nein!“, freilich ohne Begründung.
Ich begriff erst, als mich Maria von Magdala auf Jesus aufmerksam machte. Als ich sie diesen Namen aussprechen hörte, da fuhr es wie ein Blitz in mich hinein. Und ich sah wieder jene Szene im Tempel vor mir: Hanna, mit dem Kind „Jesus“ auf dem Arm. Jetzt verstand ich. Und jetzt wurde mir auch klar: Ich wollte, ja ich musste diesen Jesus aufsuchen.
Und so bin ich eine von den Frauen geworden, die Jesus nachfolgten; die ihm dienten und zuhörten; und die ihm auf seinem letzten Weg nahe waren.“
„Soll ich auch davon noch erzählen?“ fragte ich nach einer Pause. „Ja, bitte!“ sprach Lukas.
„Nun, mein junger Freund, wenn wir – die Gruppe um Jesus – in Jerusalem weilten, da wohnten wir oft in meinem elterlichen Haus. Meine Angehörigen nahmen uns auf.
Als Jesus verhaftet worden war, blieben wir Frauen hier beisammen und beteten. Am andern Morgen brachte uns einer der Jünger die Nachricht, dass Pontius Pilatus Jesus zur Hinrichtung frei gegeben habe. Damit war unsere letzte Hoffnung zerstört.
Da hielt uns nichts mehr im Hause. Wir Frauen schlossen
uns dem Zug an, der sich durch die engen Gassen drängte. Wenn wir schon nichts für ihn tun konnten, so wollten wir
ihm wenigstens bis zuletzt nahe sein; auch wenn wir uns dadurch selbst in Gefahr brachten.
Es tut mir jetzt noch körperlich weh, wenn ich dran denke, was wir da mit ansehen mussten.

 

 

 

 

 
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